Psychische Widerstandskraft (Resilienz)


 

Psychische Widerstandskraft (Resilienz) und ihre Grenzen:

Wann ist psychologische Begleitung sinnvoll?


Barbara Munkwitz-Almstedt
 


Das Leben mit einer schweren chronischen Erkrankung erfordert von den Patienten und ihren Familien ein hohes Maß an psychischer Widerstandsfähigkeit: "Resilienz", wie es die Fachleute nennen.

Tatsächlich gelingt es vielen Menschen trotz schwerer gesundheitlicher oder sozialer Risiken und Handicaps ein zufriedenes, erfülltes Leben zu führen.

Die psychologische Forschung beschäftigt sich in den letzten Jahren intensiv mit diesem Phänomen. Sie fragt weniger danach, was Menschen seelisch krank macht, sondern danach, was sie stark macht, welche Schutzfaktoren und Quellen sie besitzen, aus denen sie Kraft schöpfen (Ressourcen).


Als wesentliche Schutzfaktoren werden genannt:

  • Eine feste Bindung möglichst von frühester Kindheit an zu wenigstens einer Person,
    die das Kind solidarisch begleitet und unterstützt, ohne über zu versorgen,
  • die das Kind in seiner Ganzheit mit seinen starken und schwachen bzw. kranken Anteilen annimmt,
  • die Struktur und Orientierung in der Lebensgestaltung vorgibt und dem Alter des Kindes gemäße Grenzen setzt.
  • Unterstützung auch von außen: von Großeltern, Verwandten und Freunden der Familie, von Pädagogen in Kita und Schule und von Spielkameraden,
  • Positive Vorbilder und Identifikationsfiguren wie Eltern oder Großeltern, große Geschwister, Onkels und Tanten, Pädagogen, Sporttrainer….






     

Auf dieser Grundlage kann das Kind wesentliche Ressourcen entwickeln (s. Abbildung):

  • Ein positives Selbstwertgefühl, Respekt vor sich selbst auch mit eventuellen Handicaps und Einschränkungen
  • Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten
  • Selbstwirksamkeit: das Gefühl, das eigene Leben mitbestimmen zu können;
    dass eigene Bedürfnisse wahrgenommen und im Rahmen der Möglichkeiten aufgenommen werden
  • Zuversicht und Optimismus, dass es auch durch schwierige Lebensphasen einen Weg gibt und
  • Durchhaltefähigkeit in solchen kritischen Phasen
  • Die Fähigkeit, Kontakte zu anderen Menschen einzugehen, was die Fähigkeit einschließt, wahrzunehmen, wenn andere Menschen Unterstützung brauchen und diese den eigenen Möglichkeiten entsprechend anzubieten, sich aber auch selbst aktiv um Unterstützung zu bemühen, wenn man allein nicht weiterkommt.
  • Die Bereitschaft, Verantwortung für sein eigenes, ggf. auch recht kompliziertes Leben zu übernehmen. 


     
    Auch psychisch sehr widerstandsfähige, resiliente Menschen können mal ins Straucheln geraten.

     

    Und was ist mit den weniger widerstandsfähigen, leichter verwundbaren Persönlichkeiten?

    Die gute Nachricht hierzu ist, dass Resilienz gelernt, gefördert und reaktiviert werden kann, nicht nur in frühester Kindheit, sondern auch in späteren Jahren. Dazu braucht es allerdings Partner – "Unterstützer", denn psychische Widerstandskraft entwickelt sich immer in kommunikativen Zusammenhängen.


    Die Frage ist, wann psychologische Begleitung (Unterstützung) sinnvoll ist. Sie ist einfach zu beantworten:

  

 

 

 

 

Immer dann, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen, eine Situation zu bewältigen.






Nachfolgend einige Berichte von Patienten bzw. Angehörigen, die für eine gewisse

Zeit professionelle Begleitung zur Stärkung ihrer psychischen Widerstandskraft

gesucht haben
:

 

 

 

 

Ein Elternteil berichtet einige Wochen nach Diagnosestellung:" Ich schwimme, mir geht meine innere Sicherheit verloren". Er sucht sich psychologische Beratung in der Region und meldet nach wenigen Monaten zurück: "Das tut mir gut. Ich werde wieder stabiler."

    • Ein Kind kämpft den täglichen Kampf um Essen und Therapie. Die Mutter ist am Ende ihrer Nervenkraft und sucht sich Beratung vor Ort. Sie meldet nach einiger Zeit zurück: "Die Situation hat sich nicht entscheidend gebessert, aber ich nehme die Dinge gelassener. Wir lachen wieder viel mehr miteinander, manchmal sogar über unsere Machtkämpfe."
    • Ein in der Schule sehr beliebtes und lebensfrohes Kind lässt den Ärger über die Erkrankung regelmäßig im Elternhaus ab. Die Eltern suchen sich in größeren Abständen psychologische Unterstützung, um dem standzuhalten.
    • Ein Elternpaar trennt sich. Der Elternteil, bei dem das Kind bleibt, entwickelt Sorge, der Verantwortung alleine nicht gerecht werden zu können, und baut sich folgerichtig einen Unterstützerkreis - darunter auch psychologische Beratung – auf.
    • Eine Jugendliche steht an der Schwelle zwischen Schule und Ausbildung. Sie muss Entscheidungen für den weiteren Lebensweg treffen und stößt an die Grenzen des Machbaren. Sie rutscht in eine Episode der Niedergeschlagenheit. Um diese zu überwinden und um tragfähige Entscheidungen treffen zu können, sucht sie sich psychologische Unterstützung.
    • Eine junge Erwachsene hat die Ausbildung beendet und ist jetzt finanziell unabhängig vom Elternhaus. Sie will nun auch in eine eigene Wohnung ziehen, entwickelt aber auch Angst vor der eigenen Courage. Sie wagt einen kritischen Blick in die eigene private und berufliche Zukunft und holt sich hierfür psychologische Begleitung.
       

 


FAZIT:

Immer dann, wenn die Patienten oder die Angehörigen das Gefühl entwickeln, mal wieder ihre psychische Widerstandskraft auffrischen zu müssen, sollten sie sich - möglichst wohnortnah - auf die Suche nach "Unterstützern" begeben.